Ein Mal monatlich werde ich in diesem Blog geglückte, glückliche Momente festhalten, und ebenso die unglücklichen, welche, die zum Nachdenken anregen, und welche, die einen kleinen Einblick bieten in das, was die Kinder und ich miteinander erleben und erarbeiten.
Kathrin Feldmann, Ganztagspädagogin
Glück
Kinder schenken unterschiedslos ihre Liebe aus ganzem Herzen und ohne Scheu oder Zweifel, wenn die Situation es erfordert. So gehe ich davon aus, dass in jedem Menschen das Beste als Keim angelegt sein muss, auch wenn es mit den Jahren und wachsenden Erfahrungen verschüttet und zerrüttet werden kann. Das, sowie folgende Begebenheit, aus der ich obigen Schluss ziehe, gibt Anlass zu Hoffnung in diesen herausfordernden Zeiten.
Kurz nach den Sommerferien gab es eine Begebenheit, die mich weiterhin optimistisch stimmt:
Ein Mädchen verriet ein intimes Geheimnis, das ihre Mitschülerin ihr anvertraut hatte, an eine Weitere, um in deren Clique aufgenommen zu werden.
Schon bald wusste die halbe Klasse davon, einige Kinder machten sich über den Inhalt lustig.
Innerhalb eines Klassenrates wurde das Thema zur Sprache gebracht, nachdem sowohl das Mädchen als auch ihre Freundin untröstlich weinten.
Ganz offen sprachen wir nun über Geheimnisse, die ans Licht kommen, und auch wenn dies als Verrat gesehen werden kann, so ist nun etwas offenkundig aus der Dunkelheit ans Licht gebracht worden, so dass alle es sehen und sich damit beschäftigen können. Mehrere Kinder meldeten sich daraufhin und erzählten, dass ihnen auch gewisse Dinge passieren, die ihnen sehr peinlich sind und über die sie noch nie gesprochen hatten. Alle waren während des Gespräches vollkommen präsent, zeigten Betroffenheit und vor allem Empathie. Diejenigen die gelacht hatten, entschuldigten sich – zuletzt umarmte die gesamte Klasse die beiden weinenden Mädchen. Ganz ohne Ankündigung fand dies spontan und in Stille statt und dauerte einige Minuten. Wir alle waren tief berührt.
Energiearbeit
Inzwischen gab es weitere Situationen, in denen Kinder offen von ihrer Traurigkeit oder Ängsten erzählten: hilft dann keine Glücksdusche oder kein Kärtchen aus der Glücksbox, so schickt die gesamte Klasse dem unglücklichen Kind Liebe, eine sogenannte innere „Liebespost“.
Wir sprachen darüber, wie der Raum sich anfühlt in solchen Momenten: es kribbelt im Körper, im Bauch wird es warm, wie kleine Luftschlagen wirbelt etwas Buntes durch die Luft, es ist wie ein Lachen…
Dann wagte ich ein Experiment:
Wir dachten nun an Streit und an Krieg. Wie verändert sich die Energie daraufhin? Einigen wird übel, der Raum erscheint dunkel und schwer.
Sofort aktivierten wir wieder die Liebe und unternahmen eine Delfinreise ans Meer, um auf andere Gedanken zu kommen. Ein paar Kinder schliefen dabei ein.
Nach der langen Sommerpause sind Viele erschöpft von den Anforderungen, die die dritte Klasse an sie stellt und wünschen sich mehr Schlaf- bzw. Ruhezeiten während der Unterrichtsstunden.
Klassenrat
In den Pausen kommt es wieder vermehrt zu Handgreiflichkeiten, Schimpfwörter werden geschrien, es ist laut wie nie zuvor, der Aggressionspegel steht auf Maximum.
In unserem jede Woche stattfindenden Klassenrat versuchen wir die Konflikte zu klären – die Kinder zeigen dabei viel Geduld und Interesse, sowie Empathie und Reife. Häufig finden Zweier- und Dreiergespräche statt, in denen diskutiert und sich wieder versöhnt wird und selbstständig Lösungen erarbeitet werden. Selten reichen unsere Stunden dafür aus, so greift auch die Klassenlehrerin immer wieder diese Themen auf, nachdem ein effektiver Unterricht kaum stattfinden kann, bevor die Konflikte nicht gelöst sind.
Es gibt selbst ernannte „Lichthelferinnen“, die zu Rate gezogen werden können, wenn ein Streit zu eskalieren droht. Sie stellen sich als Mediatorinnen zur Verfügung und haben meistens Erfolg. „Ich hätte nie gedacht, dass Lichthelferin zu sein so anstrengend ist“, sagt eine von ihnen.
Auch eine „Lärmpolizei“ gibt es, die ebenso demokratisch gewählt wird wie die Klassensprecher und die Ämter, die wir für den Klassenrat benötigen: Moderator, Zeitwächter, Protokollant, Regelwächter. „Traurigbuddies“ – eine Erfindung der Kinder – darf man sich aussuchen, wenn man traurig ist, mit ihnen spricht man an einem ruhigen Ort über Probleme.
Brief an mich selbst
Die Kinder haben sich selbst einen Brief geschrieben: was möchte ich am Ende des Schuljahres erreicht haben? Was kann ich besonders gut?
In der letzten Schulwoche 2026 werden die Briefe dann aus den Kuverts beziehungsweise Ballons geholt und gelesen…
Digitaltage
In unserer ersten Klassenratssitzung in diesem Schuljahr berichtet ein Junge, dass er glaubt spielsüchtig zu sein, da er nicht einmal beim Essen aufhören kann ein Spiel auf dem Tablet zu spielen, bei dem man rausfliegt, wenn man das Spiel beendet. Wir sprechen über Sucht und deren mögliche Hintergründe und was speziell Spielsucht bedeutet, woher diese kommt, was für Folgen sich daraus ergeben können. Acht weitere Kinder melden sich, dass dies auch auf sie zutrifft. Als ich frage, ob sie sich Hilfe wünschen, bejahen sie erleichtert, so dass ich gemeinsam mit Schulsozialarbeit und Direktorin recherchierte, was es für Möglichkeiten diesbezüglich gibt. So werden jetzt im März die ersten „Digitaltage“ an der VGS stattfinden, die jedes Jahr fortgesetzt werden. Für die dritten und vierten Klassen bedeutet dies Workshops, in denen die Kinder lernen, mit digitalen Medien und etwaiger Spielsucht umzugehen, die Eltern werden in einem Elternabend aufgeklärt und unterstützt.
In diesem Zusammenhang sprachen wir auch über Roblox, das an der Schule verboten ist. Den Kindern macht dieses Spiel ebenso Angst, wie es sie verführt. Sie erzählten, wie sie nachts davon träumen und sich nicht trauen ihren Eltern davon zu erzählen, weil sie es heimlich spielen. Sie fühlen sich überfordert und ratlos und nahmen sich, bestärkt von der Offenheit ihrer MitschülerInnen, vor, künftig die Finger von diesem Spiel zu lassen.
Selbst sind die Kinder
Auf dem Schulweg und in der Pause kommt es leider oft zu An- und Übergriffen von ein paar Jungs aus der vierten Klasse. Gemeinsam mit den Klassensprechern zogen die betroffenen DrittklässlerInnen los, um selbstständig deren Klassenleitung und der Direktorin davon zu berichten und um Unterstützung zu bitten. Ein gemeinsames Gespräch zwischen Tätern und Opfern zeigt Erfolge – bleibt zu hoffen, dass der Friede anhält.
Schulgarten
Im Herbst blüht in unseren Schulbeeten Kapuzinerkresse, deren Blüten, Blätter und Samen pikant und essbar sind und gerne genossen werden. Die Pfefferminze wuchert und wird ebenso gepflückt wie die Zitronenmelisse, um daraus zu Hause Tee zu kochen.
Als es kurz vor den Weihnachtsferien darum geht, die Beete umzugraben, um Frühlingsblüher als Zwiebeln einzusetzen, beteiligen sich nur Wenige an der Arbeit. Die werden mit ein paar Kartoffeln belohnt, die noch in der Erde zu finden sind. Bei allem, was wir gesät haben, wird eine bunte Frühlingsblumenpracht nicht ausbleiben. Mal sehen, ob dann die Motivation weiter zu gärtnern wieder wächst oder wir die Beete abgeben.
Workshop „Wasser“
Nachdem im vergangenen Schuljahr der von uns besuchte Workshop „17 Ziele für unsere Erde“ im Museum für Mensch und Natur viele Fragen offengelassen hat, kam die Referentin im November an die VGS, um den Kindern nahezubringen, wie schützenswert unsere wichtige Ressource „Wasser“ ist. Die Erde verfügt über nur noch sehr wenig kostbares Süßwasser. Wenn dies verunreinigt, etwa durch Seife, verändert sich zum Beispiel die Wasserspannung derart, dass Wasserläufer nicht mehr auf dem Wasser laufen können und die Fische auf eine wichtige Nahrung verzichten müssen.
Höhepunkt der Veranstaltung war das Mikroskopieren winziger Wassertropfen, in denen allerlei Leben zu entdecken war. Doch auch andere Gegenstände, die sich in einer Schatztruhe befanden, konnten unter Vergrößerung bestaunt werden.
Weihnachtsbesuch im Haus Curanum: Begegnung zwischen Jung und Alt
Seit dem vergangenen Jahr besteht eine Kooperation zwischen den Klassen 3a und 3b der Verbandsgrundschule Karlsfeld und den Seniorinnen und Senioren des Hauses Curanum. Im Rahmen dieser Zusammenarbeit kam es in der Adventszeit zu einem besonderen vorweihnachtlichen Austausch. Zu Beginn der Adventszeit überraschten die Bewohnerinnen und Bewohner des Seniorenheims die Kinder mit einem großen Sack voller Süßigkeiten sowie rund 50 liebevoll gestalteten Briefen. Die Kuverts waren mit weihnachtlichen Motiven beklebt, die Karten darin enthielten persönliche Worte oder Einladungen zu einem gemeinsamen Treffen im Haus Curanum. Die Kinder zeigten sich tief berührt von den teils zittrigen Handschriften und stellten sich vor, mit wie viel Geduld und Freude die Aufkleber angebracht worden waren. Angeregt durch diese Geste begannen die Kinder der Ganztagsklasse der Grundschule Karlsfeld, selbst kreativ zu werden. Sie bastelten glitzernde Weihnachtskarten mit liebevollen Wünschen, Schneekugeln und Engel als kleine Geschenke für die Seniorinnen und Senioren.
Am Besuchstag machten sich schließlich rund 40 Kinder gemeinsam mit einer Kollegin sowie den beiden Klassenlehrerinnen auf den Weg ins Haus Curanum, um dort ein kleines Weihnachtskonzert zu geben. Einer der Gemeinschaftsräume war festlich geschmückt, die Bewohnerinnen und Bewohner erwarteten die Gäste gespannt. Mit großer Begeisterung sangen die Kinder vier klassische Weihnachtslieder sowie zwei Glückslieder, die sie selbst getextet und komponiert hatten. Zum Abschluss stimmten Kinder und Seniorinnen und Senioren gemeinsam bekannte Weihnachtslieder an, während frische Waffeln gebacken wurden. Diese durften die Kinder anschließend mit nach Hause nehmen. Besonders wertvoll war für viele der Seniorinnen und Senioren der persönliche Austausch. Jedes Kind überreichte einen selbst gebastelten Engel oder eine Karte und es blieb Zeit für kurze Gespräche: über das Alter der Kinder, den Schulalltag oder darüber, wie Weihnachten früher gefeiert wurde. Die Rückmeldungen aus dem Seniorenheim zeigten große Dankbarkeit und Freude über diesen direkten, generationsübergreifenden Kontakt. Die Kooperation zwischen der Grundschule Karlsfeld und dem Haus Curanum soll auch im kommenden Jahr fortgesetzt werden – möglicherweise sogar mit weiteren Begegnungen zwischendurch.
Zuletzt eine buddhistische Parabel über das Glück und damit meine besten Wünsche für ein friedliches und glückliches 2026 mit immer mal Momenten zum stillen Durchschnaufen:
„Die volle Teetasse“
Ein Gelehrter kam zu einem Zen-Meister, um mehr über Weisheit und Glück zu erfahren.
Er sprach ununterbrochen über Bücher, Theorien und sein großes Wissen.
Der Meister hörte ruhig zu und schenkte Tee ein.
Er goss weiter, obwohl die Tasse längst voll war.
Der Tee lief über den Rand und tropfte auf den Tisch.
„Meister!“, rief der Gelehrte. „Die Tasse ist voll! Es passt nichts mehr hinein!“
Der Zen-Meister lächelte und sagte:
„So wie diese Tasse bist du voll von Gedanken, Meinungen und Vorstellungen.
Wie soll ich dir etwas über Glück zeigen,
wenn du nicht zuerst leer wirst?“













